Sterben von Karl Ove Knausgaard*

Karl Ove Knausgaard hat mit seinem autobiografischen Buchzyklus ein ungewöhnliches Projekt angefangen. In Band Eins „Sterben“ geht es um seine Jugend und vor allem um die schwierige Beziehung zu seinem Vater.

Die Beurteilung von Autobiographien ist in meinen Augen immer recht schwierig, da es hier um das reale Leben einer Person geht. Auch wenn Knausgaard wahrscheinlich mehr Wert auf den sprachlichen Aspekt seiner Werke legt als andere. In seinem Zyklus seziert Knausgaard sein bisheriges Leben und schrickt nicht davor zurück, sich selbst in schlechtem Licht darzustellen.

Im ersten Band geht es um Knausgaards Jugend und typische Themen wie das Erwachsen werden und die erste Liebe, aber auch um das Studium und die Selbstfindung, die damit oft verbunden ist. Immer im Fokus ist dabei die Beziehung zu seinem Vater. Dieser ist eine strenge Person, die Knausgaard immer zu entschlüsseln versucht.

Sie hatten schon getrunken, bevor ich kam, und obwohl er die Liebenswürdigkeit selbst war, wirkte es dennoch bedrohlich; natürlich nicht direkt, ich saß dort nicht voller Angst, sondern indirekt, weil ich ihn nicht mehr lesen konnte. Alles Wissen, das ich mir im Laufe meiner Kindheit über ihn angeeignet hatte und das mir oft geholfen hatte, vorherzusehen, was geschehen würde, schien auf einen Schlag seine Gültigkeit verloren zu haben. Und was galt dann?

Auch wenn das Projekt an sich äußerst interesannt ist, empfand ich doch kaum Freude beim Lesen. Das mag vor allem daran liegen, dass Knausgaard eine Person ist, die bei mir nur wenig Sympathie hervorruft. Seine rücksichtslose Selbstanalyse spart unangenehme Situationen und Gedanken nicht aus, wie sein Hass und Neid auf andere Mitschüler, seine gnadenlose Beurteilung der Mädchen seiner Umgebung und die oftmals recht lieblose anmutende Beziehung zu seiner Frau und seinen Kindern.

Mir kommen die Tränen, wenn ich ein schöns Gemälde sehe, jedoch nicht, wenn ich meine Kinder sehe. Das heißt nicht, dass ich sie nicht liebe, denn das tue ich, von ganzem Herzen, es bedeutete nur, dass der Sinn, den sie schenken, kein Leben ausfüllen kann.

Knausgaard legt sehr viel Wert darauf, wie er von anderen gesehen wird und ist ein regelrechtes Chamäleon wenn es darum geht, sich seiner Umgebung, den Vorlieben und Ansichten seines Gesprächspartners anzupassen. Hinsichtlich dieses Aspekts erscheint seine ungefilterte-anmutende Autobiografie eine große Überwindung und verdient so etwas wie Respekt.


Ein Buch, dass durch seine gnadenlose Selbstanalyse etwas völlig anderes ist. Knausgaard stellt sich in keinem netten Licht dar, sondern zeigt seine Schwächen und schlechten Seiten auf und positioniert seine Mitmenschen unter genau dem selben sezierenden Scheinwerfer. Ein Projekt, dass sich sicher seinen Podiumsplatz in der Sparte der Autobiografien verdient hat. Leider konnte es mich nicht begeistern, da ich Knausgaard als nur wenig sympathische Person empfinde und unter diesen Umständen das Werk einfach zu lang war. Da hätte der Originaltitel „Min Kampf“ (Mein Kampf) als perfekte Umschreibung meines Leseerlebnisses ganz gut gepasst.

*Danke an den btb Verlag, dass sie mir ein Rezensionexemplar zur Verfügung gestellt haben.

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