Koala von Lukas Bärfuss*

Seiten: 182 / Verlag: btb / Hier Kaufen

Lukas Bärfuss hatte nie eine sehr enge Beziehung zu seinem älteren Bruder. Als dieser Suizid begeht, versucht der Autor die Empfindungen und Entscheidungen nachzuvollziehen, die zu diesem Ende geführt haben. Und so kommt er nach Australien und zu einem süßen, aber faulen Tier, dass mehr mit seinem Bruder gemein hat als nur den Namen.

Ist es ein böses Omen, dass Lukas Bärfuss seinen Bruder das letzte Mal sieht, als er einen Vortrag über Heinrich von  Kleist in seinem alten Heimatort halten soll? Der Dichter, der durch seinen Mord-Selbstmord berühmt wurde und Bärfuss‘ Bruder haben zwar nicht viel gemeinsam, aber entscheiden sich beide ihr Leben selbst zu beenden. Lukas Bärfuss hatte nie eine enge Beziehung zu seinem Bruder und trotzdem stößt dessen Suizid ihn in einen Gefühlsstrudel.

Vielleicht eine, vielleicht zwei Stunden bieb ich in meinem Lehnstuhl sitzen und weinte, erstaunt über die Automatik, mit der mein Körper geschüttelt wurde, nur weil ich Worte, eine unerfreuliche Nachricht vernommen hatte.

Im zweiten Teil des Romans geht Bärfuss dem wohl geheimnissvollsten Aspekt seines Bruders auf den Grund: seinem Spitznamen. Wieso nennt man einen Jungen, der auf etwas gefährliches oder majestätisches gehofft hatte, Koala? Ein putziges Tierchen, das die Tage mit fressen und schlafen verbringt? Doch je weiter Bärfuss in das Leben der Koalas und ihrer Entdeckung durch europäische Wissenschaftler in Australien eintaucht, desto klarer erscheint die weitsichtig Auswahl.

So konnten die Menschen diesen Gesellen leben lassen, als eine Karikatur, die in ihren Augen das wahre Wesen des Tieres zeigte, so wie es gerne hätte sein mögen und von seiner wirklichen Existenz ablenkte, einem Dasein, das der Faulheit gewidmet war.

Den Vergleich, den Bärfuss hier zwischen seinem Bruder und diesem grauen Fellknäuel anstellt, ist gut durchdacht und nachvollziehbar. Wie Eukalyptus, die Nahrungsgrundlage des Koalas, ist die das Leben für seinen Bruder notwendig und doch giftig. Die Depression, die ihn wahrscheinlich schon sein ganzes Leben begleitet, lähmt ihn. Was für andere wie Faulheit wirkt, ist für ihn schon ein kleiner Sieg. aber Faulheit und Nichtstun kann in unserer Welt nicht bestehen, wird ausgemerzt von Konsum und Arbeitswut.

Denn die Frage lautete nicht, warum hat er sich umgebracht? Die Frage lautete: Warum seid ihr noch am Leben? Warum verkürzt ihr nicht die Mühsal? Warum nehmt ihr jetzt nicht gleich den Strick,das Gift oder den Revolver, warum öffnet ihr nicht das Fenster, jetzt gleich?


Lukas Bärfuss versucht in seinem Roman Entscheidungen nachzuvollziehen, die zum Suizid seines Bruder führten. Dessen Spitzname, Koala, wird dabei zum wichtigsten Anhaltspunkt und stellt für ihn unser ganzes Streben als Menschen in Frage. Aber auch wenn ich die Thematik und seine Sichtweise in dem Roman sehr spannend fand, konnte mich die Ausarbeitung nicht überzeugen. Das Abschweifen nach Australien wirkt völlig fehl am Platze und zerreißt die Geschichte. Ein guter Anfang, eine gute Idee, aber keine gute Umsetzung in meinen Augen.

*Danke an das Randomhouse Bloggerportal für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

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