Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck*

Seiten: 348 / Verlag: Knaus / Hier Kaufen

Nach seinem Eintritt in den Ruhestand sucht sich der Altertumsforscher Richard ein neues Projekt: Die Flüchtlinge in seiner Nachbarschaft. In Gesprächen mit ihnen erfährt er, wo die afrikanischen Männer herkommen, was sie zur Flucht nach Europa veranlasst hat und wie sie sich in diesem Land fühlen, dass sich nicht verantwortlich für sie sieht.

Routine hat Richards Leben bestimmt. Die gleichen Freunde seit Jahren, die Gartenarbeit, das Zusammenleben mit seiner Frau vor ihrem Tod – all das hat sich kaum geändert. Als er in den Ruhestand eintritt, fällt diese Routine weg. Doch sein Verstand kann nicht still stehen und er beginnt aufgrund eines nagenden, difussen Interesses, die Flüchtlinge zu interviewen, die in einem Altersheim seiner Viertels einquartiert wurden.

Eine bunte Mischung sind die Männer aus Afrika, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden und Gefahren auf sich genommen und ihre Familien zurückgelassen haben, um in Europa Fuß zu fassen. Aber in den Rechtsmühlen der Länder gibt es keinen Platz für Schicksale, nur für Paragrafen. Und so leben sie in einem beständigen Schwebezustand in dem niemand für sie verantwortlich sein will. Lernen die Sprachen der Länder, die sie wieder verlassen müssen und hegen doch Träume irgendwann einmal Altenpfleger zu werden oder wieder als Mechaniker zu arbeiten.

Wenn es aber nicht ihr eigenes Verdienst war, dass es ihnen so gut ging, war es andererseits auch nicht die Schuld der Flüchtlinge, dass es denen so schlecht ging. Ebensogut könnte es umgekehrt sein. Einen Moment lang reißt der Gedanke sein Maul weit auf und zeigt seine grässlichen Zähne.

Doch nicht nur die Flüchlinge, auch Richard fühlt sich zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall noch immer fremd in seiner Stadt. Er kennt sich im Westen Berlins so wenig aus wie in den Straßen Abujas, der Hauptstadt Nigerias. Hat er sich vor wenigen Wochen wahrscheinlich noch als umseitig gebildeten Mann gesehen, schlägt er nun Städtenamen Afriks im Lexikon nach oder erfährt, wieviele verschiedene Sprachen, Religionen und Bevölkerungsgruppen es auf diesem Kontinent gibt der von Europäern doch auf nur als verschwommene Einheit gesehen wird.

Vieles von dem, was Richard an diesem Novembertag, einige Wochen nach seiner Emeritierung, liest, hat er beinahe sein ganzes Leben lang gewusst, aber erst heute, durch den kleinen Anteil an Wissen, der ihm nun zufllig zufliegt, mischt sich wieder alles anders und neu.

Gehen, ging, gegangen ist ein Roman der der Flüchtlingsdiskussion einen Namen gibt. Namen wie Raschid, Abdusalam und Awad: Männer, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben um Terror und Tod zu entkommen und nun hier zur Untätigkeit verdammt sind und zur ständigen Angst um ihre Zukunft.


Jenny Erpenbecks Roman ist zwar eine fiktive Geschichte, aber sie spiegelt die Situation tausender Menschen wieder, die auf der Suche nach Hilfe nach Europa fliehen. Richard fungiert als  Stellvertreter für dich und mich, Personen, die sich erst einmal mit diesen Menschen vertraut machen müssen um sie nicht nur als Zahl in den Nachrichten wahr zu nehmen.

* Danke an das Random House Bloggerportal für die Zusendung eines Rezensionexemplares.

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