Rezension / Lolita von Vladimir Nabokov

Seiten: 458 / Verlag: Ex Libris / Hier Kaufen

Nach einem unglücklichen Erlebnis hat Humbert Humbert eine verhängnisvolle Vorliebe für sehr junge Mädchen entwickelt. Nachdem er aus Europa in die USA emigriert ist, beginnt er eine Beziehung mit der zwölfjährigen Dolores Haze, genannt Lolita. Eine Liebe, die beide rastlos durch die Staaten treibt und in einem Mord endet, für den Humbert jetzt im Gefängnis sitzt.

Vladimir Nabokov erzählt die Geschichte in der Art eines Memoirs in dem Humbert retrospektiv sein Leben erzählt. Von seiner ersten Liebe Annabell, die immer sein Idealbild eines Nymphchens bleiben sollte, nachdem er zeitlebens sucht und endlich in seiner zerstörerischen Liebe zu Lolita findet. Auch wenn sich Humbert über die unmoralischen Aspekte seiner Zuneigung völlig im Klaren ist, fühlt er sich nicht im Zwang seine Vorlieben zu unterdrücken. Er sucht den Kontakt zu sehr jungen Mädchen, ohne aber diese zu bedrängen.

Erst als Lolita in sein Leben tritt und mit der Heirat ihrer Mutter eine engere Bindung zu ihr möglich scheint, beginnt sich sein Verhalten zu wandeln. Humbert wird direkter in seinen Annäherungsversuchen und mutiger in seinen Ideen, endlich seinem Verlangen nachgeben zu können. Durch einen Zufall – das Schicksal scheint ihm ungewöhnlich gütig zu sein – stirbt Lolitas Mutter und Humbert macht sich mit der dreizehnjährigen auf eine Reise durch die USA. Dass die beiden sich aber völlig anders positionieren und entwickeln als gedacht, macht den Reiz der Geschichte aus.

Ich bin nur der Natur gefolgt. Ich bin der Natur gefolgt. Warum also dieses Grauen, das ich nicht abschütteln kann? Habe ich sie ihrer Blüte beraubt? Empfindsame Damen Geschworenen, ich war nicht einmal ihr erster Liebhaber.

Lolita wird für seine Thematik scharf diskutiert und für seinen Schreibstil geliebt. Humbert analysiert sich und seine Handlungen und Wünsche sehr rational, aber in einer oftmals viel zu poetischen Sprache. Humbert bleibt immer im vagen, wird niemals zu direkt oder zu obszön, auch in sexuellen Szenen die im Buch recht häufig vorkommen, aber so nicht als solche leichtfertig zu erkennen sind. Nabokov schafft es dadurch auch seinem Buch die Rotlicht-Atmosphäre zu nehmen und es aus den Reihen pornografischer Bücher in die intellektuellere Literatur zu heben.

Lolita. Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele. Lo-li-ta: Die Zungenspitze macht drei Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei drei gegen die Zähne. Lo. Li. Ta.

In der Sprache tritt auch der Unterschied zwischen ihm und Lolita zu Tage: Ein gebildeter Literat und ein junges, gewöhnliches Mädchen. Anstatt die Erfüllung seiner Träume, wird die Beziehung zu Lolita ein Kräftemessen und die ständige Notwendigkeit, dass Mädchen bei Laune zu halten – durch Geschenke und Zugeständnisse aller Arten – zermürbt beide gleichermaßen.


Vladimir Nabokovs Roman über die Liebe Humbert Humberts zur jungen, zügellosen Lolita kann auch heute immer noch heiß diskutiert werden. Die Sexualisierung von Kindern und Teenagern nahm in den 50ern ihren Anfang und scheint in der heutigen Zeit mit seinen immer jüngeren Models und Werbung an sich, vielleicht auf einem Höhepunkt zu sein. Dass sich die Geschichte allerdings völlig anders entwickelt als gedacht, gehört zu den erfreulichen Erlebnissen der Lektüre und gibt der Geschichte eine ganz neue Wendung. Die Beziehung der beiden Figuren zueinander, ihre Abhängigkeit voneinander, kann der Startpunkt für eine Diskussion sein, die die Grenzen von Moral und Liebe neu zieht. Allerdings kann ich dem Schreibstil nicht so viel abgewinnen wie viele andere. Er betont die unterschiedlichen Charaktere sehr gut, war mir aber oft zu übertrieben. Manchmal fühlte ich mich, als hätte der Autor einen Thesaurus verschluckt und würde diesen auf seinen Seiten wieder ausspeien. Trotz allem ist Lolita aber ein Klassiker, den man meiner Meinung nach gelesen haben sollte. (Und der keineswegs mit Erotik-Schund wie 50 Shades of Grey gleichzusetzen ist.)

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Ein Gedanke zu “Rezension / Lolita von Vladimir Nabokov

  1. Ich hat überrascht, dass es weniger um Sex ging, als um einen Mann, der an sich und seinen Bedürfnissen verzweifelt. Trotzdem hat es mich wütend gemacht, wie oft Humbrt seine Bedürfnisse über die von Lo stellt. Gleichzeitig blieb Lo für mich oft im Schatten… Eigentlich geht es um die amerikanische Gesellschaft mit ihrem Wunsch nach Vergnügen… Ich find das Buch ok, aber ob es den Hype wert ist?

    Eine ähnliche Problematik wird übrigens in „Die Reinheit des Mörders“ von Amelie Notomb behandelt. Mir sind ihre Bücher oft zu „meta“, aber dieses ist krass 🙂

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