Rezension / Tracy Chevalier – Das Mädchen mit dem Perlenohrring

Seiten: 278 / Verlag: List / Hier Kaufen

Delft, 1664. Nach einem Arbeitsunfall kann der Vater der jungen Grit nicht mehr für die Familie sorgen. Sie arbeitet daraufhin als Dienstmagd im Haus des Malers Vermeer. Einzig seine Bilder lassen sie die Schikanen seiner Ehefrau und den harten Alltag vergessen. Es entwickelt sich eine Beziehung zwischen den Beiden, die die Familien in Chaos stürzen wird.

In ihrem Roman – der 2003 mit Colin Firth und Scarlett Johansson verfilmt wurde – fantasiert Tracy Chevalier über die Identität des berühmten „Mädchen mit dem Perlenohrring“ des Malers Vermeer. Ein junges Mädchen, das von dem Talent und den Werken eines Males verführt wird und eine Liebesgeschichte mit dramatischem Ausgang.

Auch wenn viele kulturelle und soziale Dinge die Beiden trennen, findet Vermeer in Grit eine Gleichgesinnte, jemanden der ihn versteht. Vorallem durch die Art wie Grit ihre Umwelt beschreibt, schafft es Chevalier das Mädchen zu charakterisieren und dem Leser sofort zu zeigen: In diesem Kopf geht mehr vor, als man von ihr erwarten mag.

Ich war in der Küche und schnitt gerade Gemüse, als ich von der Haustür her Stimmen hörte – die Stimme einer Frau, hell wie blankes Messing, und die eines Mannes, tief und dunkel wie das Holz des Tisches an dem ich gerade arbeitete. Es waren Stimmen, wie wir sie in unserem Haus nur selten hörten. Schwere Teppiche schwangen in ihnen mit, Bücher, Perlen und Pelze.

Grit ist ein Mädchen ihrer Zeit, unterwirft sich den Koventionen und hegt die gleichen seltsamen Abneigungen gegen alles ihr Unbekannte wie ihe Familie und Bekannten. Doch immer wieder bemerkt man, dass sie dies nur widerwillig tut, sich wünscht anders leben zu können und einen Teil ihres Charakters, genau wie ihre Haare, immer gebändigt und versteckt hält.

So subtil erotisch wie das Mädchen auf ihrem Bild dargestellt ist – leicht zum Betracher gedreht und mit geöffnetem Mund – empfand ich im Roman, trotz der schwelenden Liebe des Mädchens zu ihrem Herrn, keinerlei Romantik. Menschlich einfühlsame Beziehungen sucht man denn auch leider in der gesamten Geschichte vergeblich. Alle Personen sind geleitet von selbstschtigen Gedanken und versuchen, sich einen Platz in der streng hierarchischen Welt des Vermeerschen Haushalt zu behaupten. Eine kalte, freudlose Atmosphäre, die – meiner Meinung nach – auch in Vermeers anderen Bildern fühlbar ist.


Chevalier hat sich mit Das Mädchen mit dem Perlenohrring eine spannende Geschichte zu dem geheimnisvollen Mädchen auf Vermeer berühmten Gemälde einfallen lassen. Es ist ein faszinierender Einblick in eine künstlerische Welt, die eingezwängt ist in die Konventionen ihrer Zeit. Das Ende mag jedoch etwas enttäuschen, wenn man sich für die kluge Hauptperson einen anderen Lebensverlauf gewünscht hat.

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