Rezension / Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau von Max Scharnigg

Seiten: 304 / Verlag: Hoffman und Campe / Hier Kaufen

Inhalt:

Ein Einsiedlerhof in den Hügeln, drei Generationen unter einem Dach und ein sehr alter Fisch im Weiher. Wer hier aufwächst, kann entweder sehr glücklich oder sehr unglücklich werden. Jasper Honigbrod entscheidet sich mit sechs Jahren für das Glück. Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Fehlentscheidungen sind in seiner Familie ausgesprochen häufig.

Max Scharniggs Roman über einen abgelegenen Hof, irgendwo an der deutsch-tschechischen Grenze, erinnert an einen Wes Anderson Film, den man zwischen zwei Buchdeckel gequetscht hat. Jasper Honigbrod wenigstens hält seine Familie für ganz normal: Zusammen mit seinem Vater und seinem Großvater lebt er auf Pildau, streunt durch die Gegend und lässt seiner Fantasie freien Lauf. Als sein Vater eines Tages mit angesengtem Bart und einem kleinen Mädchen, das sie Lada nennen, vom Joggen zurückkommt, ändert sich das Leben der drei Männer grundlegend.

„Schwöre mir, dass du Mittelmäßiges immer den anderen überlässt. Sei nie der dritte Bobfahrer, hörst du? Richtige Berge oder das Meer, das wäre eine angemessene Kulisse für einen Jasper Honigbrod, nicht wahr?“ Dabei zeigte er auf mich und meinte natürlich trotzdem sich.

Pildau ist eine Welt voller Seltsamkeiten: die Hofstange, deren Ende angeblich die Wolken kitzelt; die Scheune voller Bücher und geheimnisvolle Pakete, die von den Autos auf der nahe gelegenen Autobahn abgeworfen werden. Nur eine Sache fehlt: Frauen. Keine weibliche Person scheint es hier auszuhalten und so leben die Männer in ihrer eigenen Welt.

Die Naivität und Weltfremdheit von Jasper lässt einen schmunzeln, aber macht auch gleichzeitig betroffen. Als Leser ist einem klar, dass diese zusammengewürfelte Familienbande nicht lange so glücklich in Pildau leben wird, und schnell zeigen sich auch Risse in der Heilen Welt der Bücher, Hofstange und Streifzüge durch das angrenzende Maisfeld.

Dann verging die Zeit, wie sie nur in Pildau vergeht, als in Ineinander von alten und sehr alten Gewohnheiten, es waren sehr schöne Jahre, aber wenn ihnen das jemand gesagt hätte, sie hätten es nicht geglaubt, denn die schönen Jahre gelten immer erst in der Rückschau.

Auf Pildau scheint ein kleiner Fluch zu lasten, denn wenn Scharnigg uns die Lebensgeschichten des Großvaters und Vaters schildert, sieht man darin genau soviel Chaos, aber auch Liebe wie in Jaspers Kindheit.


Mit seinem Roman Die vorläufige Chronik des Himmels über Pildau hat Max Scharnigg drei Sonderlinge erschaffen, die auf ihrem verwunschenen Hof ein geregeltes Leben führen, das eines Tages komplett durcheinander gewirbelt wird. Mit Gefühl beschreibt Scharnigg die traurigen Geschichten, die die Figuren dorthin geführt haben. Ein Roman, der dem Leser an manchen Stellen vielleicht etwas zu träumerisch daher kommt, aber trotzdem eine schöne Atmosphäre und ein sehr angenehmes Leseerlebnis bietet.

Grafik: Christina Koorman
Grafik: Christina Koorman
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s